Archiv 2004
Agenda 2010
Die Agenda 2010 kann als der massivste sozialpolitische
Kahlschlag bezeichnet werden, der seit Bestehen der Bundesrepublik geplant
wurde. Noch nie sollten mit einem Handstreich 1,4 Millionen Arbeitslose mit
ihren Familien – 3,1 Millionen Menschen mithin – in die Armut
gestoßen werden. Nichts anderes stellt des Kanzlers Plan dar, Arbeitslosenhilfe
und Sozialhilfe auf dem Niveau der jetzigen Sozialhilfe zusammenzuführen. Sozialhilfe,
dies könnten der Kanzler und seine Berater wissen, schützt schon seit Jahren
nicht mehr vor Armut. Seit nunmehr zehn Jahren läuft sie abgeschlagen hinter
den steigenden Lebenshaltungskosten her. Das Ergebnis: Um mindestens zehn
Prozent müsste die Sozialhilfe angehoben werden, um das abzudecken, was
Sozialwissenschaftler das soziokulturelle Existenzminimum nennen, und was
nichts anderes meint als eine Teilhabe an dieser Gesellschaft wenigstens auf
bescheidenstem Niveau.
Die ungeheure armutspolitische Ignoranz, die hinter diesem
Vorhaben steht, die Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die völlige
Abgehobenheit von Realitäten und Alltag am Rande dieser Gesellschaft, wo es
keine Aktienpakete gibt und keine teuren Urlaubsreisen, ja nicht einmal mehr
den Kegelausflug, dies muss schockieren und abstoßen zugleich.
Wer tatsächlich geglaubt haben sollte, des Kanzlers Politik
der neuen Mitte sei lediglich eine modernere Variante sozialer Marktwirtschaft,
dem offenbart die Agenda 2010 die hässliche Kehrseite dieses Konzepts. Die
Mitte kann nicht zugleich das Ganze sein. Die Mitte sind unsere
Leistungsträger, Steuerzahler, Beitragszahler und Vermögenden –
Arbeitslose und Sozialhilfebezieher gehören nun einmal nicht zur Mitte.
Unverschleiert offenbart des Kanzlers Agenda, was sich
tatsächlich hinter diesem Politeuphemismus verbirgt: ein Vormarsch freier
Marktwirtschaft neoliberalen Zuschnitts, ein Konzept, das von vornherein auf
Ausgrenzung ausgelegt ist. Mit Sachargumenten ist jener Teil der Agenda 2010, der
blind auf Leistungskürzung und Sozialabbau setzt, nicht zu begreifen. Er
gewinnt seine Ratio erst über den grundsätzlichen Strategiewechsel staatlichen
Handelns, der hinter ihm steht.
Mit viereinhalb Millionen Arbeitslosen vor Augen, einem
Haushalt, der vor dem Kollaps steht, und katastrophalen Umfrageergebnissen geht
es in erster Linie darum, die soziale und arbeitsmarktpolitische Verantwortung
des Staates, der Regierung und letztlich des Kanzlers in grundlegender Weise
neu zu definieren – und das heißt: tendenziell zu negieren. Mit anderen
Worten: Wo einem die Probleme über den Kopf wachsen, wächst die Versuchung,
sich schlicht für nicht zuständig zu erklären. Hier liegt die eigentliche
Verlockung des Neoliberalismus für eine jede Regierung in einer solchen
Situation, ganz unabhängig von ihrer parteipolitischen Einfärbung. Erst der
Neoliberalismus, seine wirtschaftspolitischen Grundlagen, aber auch sein
Menschen- und Gesellschaftsbild liefern den notwendigen Überbau für einen
solchen staatlichen Rückzug.
Das Einzige, wozu bei allem Fordern und Fördern bisher
relativ konkrete Vorstellungen existieren, sind die Leistungseinschnitte und
Einsparungen, die mit der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe
verbunden sind. Wer jedoch künftig fördern soll und wohin, bleibt unklar. Wo
soll in einer ostdeutschen Region mit 30 Prozent Arbeitslosigkeit hin
vermittelt werden? Was soll mit dem Schulabgänger geschehen, wenn nun mal keine
Lehrstelle da ist?
Es geht nicht um Problemlösung. Es geht um den sukzessiven
Rückzug des Staates aus seiner sozial- und arbeitsmarktpolitischen
Verantwortung. Der Appell an die Bereitschaft zum Verzicht wäre dann mehr als
Ideologie, wenn tatsächlich alle belastet würden und nicht vor allem diejenigen
außerhalb der „neuen Mitte“. Der Appell an die Arbeitslosen, mehr
Eigenverantwortung zu zeigen, wäre dann glaubhaft, wenn die Bundesregierung
deutlich machen würde, wie dies aussehen könnte, angesichts einer Situation, in
der sie selbst immer nur auf den Weltmarkt verweist, um sich aus der
Verantwortung zu stehlen. Es wird jedoch nicht gelingen, die Mehrheit der
Bevölkerung dauerhaft abzulenken von dem, was wir wirklich brauchen, um die
Menschen in Arbeit zu bringen: Arbeitsplätze.
Dr. Ulrich Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen
Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und Gründungssprecher der Nationalen
Armutskonferenzen.
Quelle: MENSCHEN das Magazin 3/2003