Archiv 2004
Ich glaube an die Zukunft des Sozialstaates
Sozialexperte Norbert Müller-Fehling ist Geschäftsführer des
Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte und Vorsitzender des
Ausschusses Förderpolitik der Aktion Mensch.
Herr Müller-Fehling, im März hat der Bundeskanzler die so
genannte Agenda 2010 vorgestellt und damit heftige Diskussionen auch in der
eigenen Partei ausgelöst. Nun ist bereits eine Reihe von Einzelgesetzen
umgesetzt worden. Ist Widerstand zwecklos?
Müller-Fehling: Die Akzeptanz für die Agenda 2010 in der
Bevölkerung wächst – sei es aus Einsicht, sei es aus Resignation. Denn
wirkliche politische Alternativen sind nicht in Sicht. Reformen wurden schon
seit Jahren eingefordert, nun wird zur Abwechslung mal regiert. Das ist zunächst
einmal zu begrüßen.
Politische Interessenvertretung ist für Verbände im
sozialen Bereich derzeit nicht einfach. Fühlen Sie sich von der Gesellschaft
allein gelassen?
Die von uns vertretenen und unterstützten Menschen sind Teil
dieser Gesellschaft. Die Arbeit der Verbände und auch die der Einrichtungen und
Dienste vor Ort steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Bedingungen. Wir müssen unsere sozialpolitische
Ausrichtung daher an ökologischen Gesichtspunkten ausrichten.
Was meinen Sie damit?
„Ökologisch“ meint die Wahrung des Gleichgewichtes und den
schonenden und rücksichtsvollen Umgang mit Ressourcen – in diesem Fall
den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen. Auch das gehört zu einer
konsequenten Interessenvertretung. Die Verbände müssen an intelligenten
Lösungen mitarbeiten, die behinderten Menschen nicht ein Weniger, sondern ein
Mehr an Teilhabe, Selbstbestimmung und Integration sichern.
Löst die öffentliche Finanzierungskrise Ängste aus?
Selbstverständlich. Der Umbau des Sozialstaates tritt ja
vorrangig durch den Abbau von Schutzrechten und durch Eingriffe in die soziale
Sicherung in Erscheinung. Hinzu kommt die Geschwindigkeit und
Unübersichtlichkeit, mit der die Sozialsysteme in Frage gestellt und reformiert
werden. Dennoch bin ich der Meinung, dass es nicht ausreicht, auf die Situation
mit den alten Ritualen zu antworten. Die Forderung nach mehr Geld zum Ausgleich
der Schwächen im System bringt uns nicht weiter. Schon vor Jahren haben
beispielsweise die Trägerorganisationen im Bereich der Behindertenhilfe „das
Ende des Verantwortbaren“ verkündet. Diese Botschaft hat sich inzwischen
verbraucht. Wir sollten die schwierige Situation stattdessen nutzen, jetzt
strukturelle Neuanfänge durchzusetzen.
Woran denken Sie dabei?
Im Bereich der Behindertenhilfe und -selbsthilfe sieht es
beispielsweise so aus, dass der Finanzierungskrise ein wachsender Anspruch
behinderter Menschen und ihrer Angehörigen gegenübersteht. Sie wünschen
Unterstützungsangebote, die ihnen ein höheres Maß an Selbstbestimmung und Raum
für individuelle Lebensgestaltung eröffnen. Obwohl der Paradigmenwechsel von
der Fürsorge zur Selbstbestimmung immer wieder gefordert und propagiert wird
– zum Beispiel im Bundesgleichstellungsgesetz oder dem SGB IX –
führt der Lebensweg von Menschen mit Behinderung immer noch mit einer gewissen
Regelmäßigkeit in die rundum organisierten Unterstützungsangebote stationärer
Einrichtungen. Die Lebensmöglichkeiten in Institutionen stehen aber in einem
wachsenden Widerspruch zu den allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, in
denen unterschiedliche Lebensentwürfe gelebt werden können. Das Zusammentreffen
der Finanzkrise und des dringenden Wunsches behinderter Menschen nach neuen,
ihre individuellen Wünsche berücksichtigenden Angebotsformen könnte eine
dynamische Entwicklung einleiten.
Es fehlt ihrer Meinung nach also weniger an Geld als an
der Bereitschaft, gewachsene Strukturen in Frage zu stellen?
Natürlich fehlt in der Behindertenhilfe an vielen Stellen
Geld. An einigen Stellen mehr, an anderen weniger und gelegentlich ist auch
genug Geld da. Aber die strukturellen Probleme beispielsweise in
Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung sind mit Geld alleine nicht zu
lösen. Das gilt insbesondere für die großen Komplexeinrichtungen, deren
Bewohnerinnen und Bewohner kaum Chancen haben, am gesellschaftlichen Leben
teilzuhaben. Hier hilft nur ein radikaler Umbau, wie ihn einige
Einrichtungsträger inzwischen erfolgreich in Angriff genommen haben. Manchmal
steht der Erhalt von Macht und Marktanteilen vernünftigen, menschengerechten
Lösungen entgegen.
Wenn bei Menschen mit Behinderung der Bedarf an neuen
Angebotsformen gegeben ist und dieser Bedarf auch längst anerkannt und
wissenschaftlich belegt ist, warum gibt es dann immer noch Defizite in diesem
Bereich?
Zum einen deshalb, weil es sich lohnt. Ambulante Angebote
sind gegenüber stationären Leistungen noch immer benachteiligt, beispielsweise
bei der Einkommens- und Unterhaltsheranziehung. Zum anderen stehen aber auch
Strukturen und Machtverhältnisse bedarfsgerechten Lösungen im Weg. Das gilt für
das System im Ganzen wie auch für die Ausgestaltung im Einzelnen. Ein Beispiel:
Eine behinderte Frau, die in einem Wohnheim lebt, besucht seit vielen Jahren
ihre Schwester, die auch ihre Betreuerin ist, an den Wochenenden und in den
Ferien zu Hause. Wegen der häufigen Abwesenheit der Frau im Wohnheim übt der
Sozialhilfeträger Druck auf alle Beteiligten aus und stellt die Notwendigkeit
des Wohnheimplatzes infrage. Der Träger des Wohnheims fordert allen Ernstes die
Beschränkung der Wochenend- und Ferienbesuche und bemüht dafür pädagogische
Argumente, obwohl es eigentlich überhaupt kein pädagogisches Problem gibt. Den
beiden Schwestern geht es mit der Lösung, die sie für sich gefunden haben, gut
und sie wollen daran festhalten. Es müsste doch Aufgabe aller Beteiligten sein,
sie genau darin zu unterstützen.
Entscheidend für das Zustandekommen solcher Absurditäten,
die einen tiefen Eingriff in die Selbstbestimmung der Betroffenen darstellen,
sind bürokratische Reglements und Zuständigkeitsarrangements.
Wie möchten sie dem entgegenwirken?
Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die anstehenden
Gesetzesänderungen die Benachteiligung ambulanter Unterstützungssysteme
beseitigen und strukturelle und bürokratische Schranken überwinden.
Wäre die Einführung des persönlichen Budgets für Menschen
mit Behinderung eine Möglichkeit?
Es könnte eine Möglichkeit sein, die Einflussmöglichkeiten
der Betroffenen zu verbessern. Es ist eine Möglichkeit, kein Allheilmittel. Auf
jeden Fall darf die Ausgestaltung des persönlichen Budgets nicht den
Kostenträgern überlassen bleiben. Für sie ist das persönliche Budget in erster
Linie ein Sparinstrument. Wir als Verbände sollten dafür sorgen, dass es zu
einem Mehr an Lebensgestaltungsmöglichkeiten für alle diejenigen führt, die es
in Anspruch nehmen möchten. Wenn dabei dann auch gespart wird, ist dagegen
nichts einzuwenden.
Ihr Aufruf, die Krise zur Chance zu machen, wird bei den
Behindertenverbänden sicherlich nicht nur Freunde finden?
Das bloße Beharren auf Besitzständen wird vorrangig dazu
führen, dass behinderte Menschen in Zukunft noch größere Schwierigkeiten beim
Zugang zu den Leistungen der Eingliederungshilfe haben werden. Der wird bereits
heute nicht allein von dem Anspruch und dem Bedarf bestimmt, sondern von den
vorhandenen Kapazitäten. Wenn arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger in Zukunft das
so genannte „Arbeitslosengeld II“ erhalten, dann wird die Eingliederungshilfe
die größte Einzelposition der Sozialhilfe sein. Sie wird in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit der öffentlichen Haushalte rücken, die für die Finanzierung
zuständig sind. Bereits heute reagieren die Länder und Kommunen auf die
steigenden Belastungen. Der weit überwiegende Teil der knapp neun Milliarden Euro,
die für die Eingliederungshilfe aufgewendet werden, fließt in den stationären
und teilstationären Bereich. Angesichts der Tatsache, dass die Zahl der
Menschen, die auf Unterstützung beim Wohnen und in der Alltagsbewältigung
angewiesen sind, in den kommenden fünf Jahren um 20 Prozent zunehmen wird,
sollten wir uns darum bemühen, endlich die Trendwende weg von den stationären
hin zu den ambulanten Lösungen zu schaffen.
Inwiefern lassen sich Ihre Analysen, die Sie in Hinblick
auf die politischen Notwendigkeiten im Bereich der Behindertenhilfe anstellen,
auf die Reformen anderer sozialer Systeme übertragen?
Nehmen Sie zum Beispiel die Gesundheitsreform. Das jetzt
verabschiedete Gesetz pumpt frisches Geld in das System und zwar fast
ausschließlich das Geld der Versicherten und Kranken. Das Finanzierungsproblem
ist damit zwar vorübergehend gelöst. Die Qualitäts- und Strukturprobleme aber
nicht. Alle Beteiligten wissen das. Das Gesundheitssystem zerstört sich selbst,
wenn nicht die pure Interessenpolitik überwunden wird. In der
Behindertenpolitik sollten wir es nicht soweit kommen lassen.
Wie kann man sich die politische Arbeit der Verbände
vorstellen?
Das Gesetzgebungsverfahren sieht die Anhörung durch die
Ministerien und nach der ersten Lesung im Bundestagsausschuss vor. Die
Einflussmöglichkeiten sind zu diesem Zeitpunkt sehr gering. Ohne
Überzeugungsarbeit im Vorfeld sind Änderungen im Anhörungsverfahren kaum
möglich. Die Parteien suchen in erster Linie die Zustimmung der Experten für
ihre Politik. Dementsprechend fallen ihre Fragen aus. Dennoch: Politik braucht
Zustimmung. Das gilt für die großen Entscheidungen, die Einfluss auf die Wahlen
haben, ebenso wie für die „kleinen“, zum Beispiel in der Behindertenpolitik.
Die Zustimmung der Betroffenen hat bei der Entscheidungsfindung ein Gewicht.
Hinzu kommt, dass die Verbände über ein großes Fachwissen verfügen und die
Konsequenzen politischer Entscheidungen fundiert einschätzen können. Diese
Sachkenntnis muss gegenüber den Ministerien, den Abgeordneten und ihren Büros
sichtbar werden. Drohgebärden, z.B. durch die Mobilisierung der Öffentlichkeit
und der Medien, stehen nur den großen Verbänden zur Verfügung.
Wann ist für Sie die Grenze der Belastbarkeit erreicht?
Wann würden Sie auf die Barrikaden gehen?
Die Mitarbeit endet, wenn die Gesellschaft ihre Solidarität
aufkündigt, wenn Kaputtsparen beginnt, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
aufgeben oder wenn trotz aller Bemühungen das individuelle Wohlbefinden
behinderter Menschen nicht mehr gewährleistet werden kann.
Ist der Sozialstaat zu retten?
Auf unserer sozialpolitischen Tagung am 17. Oktober in
Berlin werden sich die Eröffnungsreferate mit der Frage nach der Zukunft des
Sozialstaates beschäftigen. Nur im Sozialstaat hat die Eingliederung und
Rehabilitation behinderter Menschen eine Überlebenschance. Wie die Zukunft
aussieht, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Ich glaube an die Zukunft
des Sozialstaates, weil die meisten Menschen, so wie Sie und ich, nicht in
einer grundlegend anderen Gesellschaft leben wollten. Ich glaube, das gilt
selbst für die, die mit dem Sozialen zündeln.
Quelle: MENSCHEN das Magazin 3/2003