Rund 30 Rollstuhlfahrer wollen sich nicht verladen lassen.
Behinderte protestieren in Krautheim gegen den Nahverkehr Hohenlohekreis – Warum klappt in Hohenlohe nicht, was in Heidelberg funktioniert?
Am Krautheimer Busbahnhof wartet ein Skelett im Rollstuhl. Spinnweben flattern im Wind, und ein großes Plakat verspricht: "Der nächste behindertengerechte Bus kommt gegen 19 Uhr. Im Jahr 2005." Rollstuhlfahrer-Protest im Hohenlohekreis. Gut 39 Rollstuhlfahrer haben sich am Bahnhof versammelt und machen ihrem Ärger Luft: "wir wollen nicht verladen werden", sagen sie und demonstrieren, was sie damit meinen: Mit einem Gabelstapler versuchen sie, eine Rollstuhlfahrerin in einen Omnibus zu hieven. Anders geht's nicht, und auch so geht's nicht wirklich, denn der Rollstuhl passt ohnehin nicht in den engen Bus. So gesehen ist den Hohenloher Rollstuhlfahrern der Nahverkehr ziemlich fern. Zwei Krautheimer Organisationen, der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) und die Werkstätten für Behinderte (WfB) haben deshalb ins Jagsttalstädtchen eingeladen – am Samstag dem europaweiten Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen in der Gesellschaft. Denn gleichgestellt sehen sich die Behinderten vor allem im Nahverkehr eben nicht. "Wir fordern seit mehr als 20 Jahren, den Busverkehr endlich behindertengerecht zu organisieren", sagt Peter Strohbach vom BSK-Vorstand. Was möglich ist, präsentierten die Veranstalter des Protestes an Ort und Stelle mit einem Bus der Heidelberger Straßen und Bergbahn AG (HSB). Über dessen Lift können Rollstuhlfahrer bequem einsteigen. Strohbach: "Wir können beweisen, dass es möglich ist. Wo bleibt hier Artikel 3 des Grundgesetzes?" Der besagt: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Für Henry de Vries, Rollstuhlfahrer und ÖPNV-Experte in Heidelberg, ist der Hohenlohekreis in dieser Hinsicht schon "ein bisschen Notstandsgebiet. In Heidelberg führ der erste Bus mit Lift bereits 1978. Kaum war er da, war er auch schon voll. Vorher hatten es immer geheißen, es gäbe keinen Bedarf." Zwei Behinderte schilderten ihre Erfahrungen mit dem Nahverkehr: "Wenn ich nicht einsteigen kann, kann ich ihn auch nicht nutzen", so Roman Laskowski. Sabine Schüll forderte: "Wir sind auch Menschen und wollen herumkommen." Werkleiter Roland Braun hatte es sichtlich schwer, die Situation des Nahverkehrs Hohenlohekreis (NVH) darzustellen:" Anders als in Heidelberg haben wir keine eigenen Fahrzeuge." Folglich ist der NVH auf das angewiesen, was ihm die Unternehmer an Fahrzeugen anbieten. Das sind derzeit 90 Busse, 21 davon sind so genannte Niederflurbusse. Aber auch die sind noch lange nicht behindertengerecht. Ohne Rampe oder Lift kommt kein Rollstuhlfahrer hinein. Und das so Braun, sei nicht die Entscheidung des NVH: "Noch werde die Regeln von der Politik gemacht, und es steht mir nicht zu, die zu kritisieren." Vor allem hohe Kosten und den Zeitaufwand beim Einsteigen eines Rollstuhlfahrer in Rage: "Warum kriegen's die in Heidelberg hin und wir nicht?" "Hier geht's nur um die Kostenfrage." "Ich wünsche Ihnen, dass Sie zehn Jahre im Rollstuhl sitzen, dann wissen Sie wie das ist." Das war dem NVH-Chef dann doch zuviel, er brach die Sache ab. Peter Reichert vom BSK fasst zusammen: Wenn sich bis zum nächsten Jahr nichts geändert hat, sind wir ganz bestimmt wieder hier.
Quelle: Heilbronner Stimme Datum. 07.05.01 Text: Matthias Stolla
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