"Das tut dann seelisch weh"
Aufklärung in Schulen und auf dem Jakobsplatz - Lockeren Umgang gefordert
Seray Clausing (15) hat Glück. Ihre Mitschüler gehen sehr gut damit um. Damit, dass sie stottert und schon mal eine halbe Minute braucht, bis sie einen Satz vollendet hat. Vor allem dann, wenn sie aufgeregt ist. Ihren Lehrern musste die Gymnasiastin erst beibringen, wie sie sich ihr gegenüber zu verhalten haben. Beibringen, dass Stottern nicht zwangsläufig etwas mit einem psychischen Knacks zu tun hat. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kaum ein Lehrer weiß, was Stottern ist", sagt die Schülerin. "Ich bin dann selbst auf sie zugegangen und habe Informationsbriefe verteilt. Jetzt nehmen sie Rücksicht."
Gegen Vorurteile
Seray Clausing tourt zusammen mit Mitgliedern der "Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe" durch Deutschland. Um über die Sprachstörung zu informieren und Vorurteilen etwas entgegenzusetzen. Sie fahren mit ihrem knallroten Infobus, Typ London, dahin, wo stotternde Kinder die größten Probleme haben. Dahin, wo man mit der Verständnis- und Sensibilisierungsarbeit beginnen muss: Zu den Schulen. "Stottern und Schule", so heißt auch die Kampagne der "Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe" im Rahmen von "Aktion Mensch". Die Bustour ist auch ein Beitrag zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen.
Köln, Mainz, vorgestern Stuttgart, gestern nun also Nürnberg. Der Info-Bus machte am Neuen Gymnasium in Gleißhammer, an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Langwasser und am Jakobsplatz in der Innenstadt Halt. Rund 100 Schüler, aber auch Passanten ließen sich von den Schwierigkeiten, mit denen Stotterer leben müssen, berichten. Tourmitglied Rüdiger Mehler hat die Erfahrung gemacht, dass die Schüler am Anfang "skeptisch dastanden", manche "mit einem Grinsen im Gesicht". Das Grinsen sei ihnen mit der Zeit vergangen, als die Sprachbehinderten von ihren alltäglichen Problemen erzählten.
Rüdiger Mehler stottert selbst. Nicht so stark wie Seray Clausing. Als Kind hat er ganz normal gesprochen. Zumindest eine Zeit lang. "Aber mit vier oder fünf Jahren hat es angefangen", erzählt er. Es war eine gewisse Veranlagung da in der Familie. Eltern und Bekannte hätten trotzdem Ratschläge gegeben wie "Sprich langsamer", "Hol tief Luft" oder "Denk doch erst mal nach". Geholfen hat es nicht. Es hilft auch nicht, wenn der Gesprächspartner versucht, die Sätze zu vollenden, erklärt Mehler. Stattdessen: lieber Zeit geben und ausreden lassen. Rüdiger Mehler wünscht sich, "behandelt zu werden wie Normalsprechende". Einen lockereren Umgang mit Stotternden eben.
Alltäglicher Stress
Dass dem in den meisten Fällen nicht so ist, muss Rüdiger Mehler bei so alltäglichen Dingen wie dem Einkaufen erfahren: "Man steht an der Käsetheke in der Schlange und formuliert in Gedanken die Sätze, die man sagen will, wenn man dran ist. Kaum ist man dran, stottert man doch wieder. Wenn die umstehenden Leute dann alle verstummen und blöd schauen, womöglich noch eine abfällige Bemerkung fallen lassen, ist das wenig angenehm, erzählt Mehler. Denn das "das tut dann seelisch weh".
Quelle: Nürnberger Nachrichten
Text: Sabine Stoll
Datum: 11.05.01